Warum „Ich bin nicht intuitiv genug für Tarot“ gar nicht stimmt (und Intuition beim Tarot sowieso nicht alles ist)

Kennst du das auch? Dein Lieblings-Kartendeuter auf Youtube hat ein neues Video rausgebracht, und du sitzt davor und kriegst vor Staunen mal wieder den Mund nicht zu: Er zieht Karte um Karte, und die Deutung liefert er praktisch in Echtzeit gleich mit. Wie macht der das?! So intuitiv wäre ich auch gern!

Da kann man schon mal ins Zweifeln kommen, besonders wenn man gerade am Anfang steht mit dem Kartenlegen. Wenn man vielleicht sicherheitshalber das Begleitheft zum Deck mit den tausend Post-Its und Markierungen nicht zu weit weglegt, um mal schnell reinspicken zu können. Und wenn man auch mit dem Heftchen immer noch Probleme hat, aus den einzelnen Bildern einen zusammenhängenden Sinn herzustellen.

Tarot zu lernen, ist keine Kleinigkeit, und über Nacht geht es schon mal gar nicht. Da sind Geduld und Frustrationstoleranz gefragt (als ich das Wort mal in einer internen Stellenausschreibung las, habe ich erstmal groß geguckt und dann sehr gelacht (und noch tagelang jedem, den ich finden konnte, davon erzählt (und immer noch gelacht)) – wenn das mal kein Verkaufsargument für eine neue Stelle ist 🤭 Der Begriff hat sich in meinem Wortschatz aber seither bestens bewährt 😆). Denn sonst ist man vielleicht versucht, die Karten in die Ecke zu schmeißen und das ganze Vorhaben aufzugeben. Vielleicht habe ich einfach nicht, was man braucht, um die Karten zu deuten, denkt man dann. Vielleicht bin ich einfach nicht intuitiv genug.

Doch, du bist intuitiv!

Aber keine Panik – denn du bist intuitiv. Überleg nur mal, wie oft du eine Entscheidung aus dem Bauch heraus triffst oder wie es im Magen grummelt, wenn sich irgendwas einfach nicht so ganz richtig anfühlt. Dein Bauchgefühl ist spürbar gewordene Intuition – viele von uns bemerken aber solche kleinen Hinweise kaum. Oder vielleicht nur, wenn sie wirklich richtig deutlich sind. Wir sind also intuitiv, aber bemerken es vielleicht nicht immer. Meditation kann helfen, diese Empfindungen bewusster wahrnehmen zu lernen. Auch das Setzen einer Intention vor der Legung hilft, aufmerksam zu werden, wenn das Unterbewusstsein sich meldet.

Aber Intuition ist auch nicht alles

Aber: Was das Tarot angeht, kommst du nur mit Intuition auch gar nicht zum Ziel. Tarot bedeutet nicht, auf eine Eingebung zu warten und sie dann zu verkünden. Und Intuition bedeutet auch nicht, dass du Botschaften empfängst wie ein Medium oder dass dir einfach eine Deutung in den Schoß fällt. Ja, es gibt Menschen, die können das – aber die brauchen dafür keine Tarotkarten.

Tarot bedeutet, die Karten zu lesen und nur das auszusprechen, was sie tatsächlich hergeben. Sich auf eine wie auch immer geartete „Intuition“ zu berufen und Behauptungen aufzustellen, die von den Karten nicht gedeckt sind, ist unseriös. Wenn ich nur für mich selbst lege, darf ich mir ungestraft in die eigene Tasche lügen, wenn die Karten mir nicht passen – aber sobald jemand mit einer Frage zu mir kommt, tue ich gut daran, nur das auszusprechen, was ich mit den Karten auch belegen kann. Klar kann ich auch einfach „intuitiv“ das erzählen, was die Kundin vermutlich gern hören würde. Und was dann? Genau, sie kommt beim nächsten Mal nicht wieder. Das ist nicht nur ziemlich kurzsichtig und betriebswirtschaftlich unergiebig, sondern auch gemein – und es ist auch nicht der Anspruch, den ich an mich habe.

Was du tun kannst, wenn du dich nicht intuitiv genug fühlst

Am Anfang steht das Lernen der Bedeutungen der Karten, und da gibt es keine Abkürzungen. Stell dir Tarot vor wie eine neue Sprache. Zunächst einmal musst du Vokabeln, Aussprache und Grammatik lernen, ein Gefühl für die Sprache entwickeln. Erst dann kannst du anfangen, damit zu arbeiten und irgendwann zu spielen. Eine neue Sprache braucht Übung, und beim Tarot ist das genauso.

Oder stell es dir als Handwerk vor, und die Karten sind unser Werkzeug. Und wir dürfen lernen, die Karten zu lesen. Zu sehen. Und daraus unsere Schlüsse zu ziehen. Ich persönlich finde das sehr beruhigend – denn es bedeutet, jeder kann es lernen. Jeder, der sich hinsetzt und bereit ist, sich mit den Karten zu beschäftigen, kann lernen, ihre Botschaften zu deuten. Und mit zunehmender Übung geht es uns dann viel leichter von der Hand, Zusammenhänge zu erkennen. Je mehr du dich mit einer neuen Sprache umgibst, umso schneller wird sie dir geläufig – beim Tarot ist es nicht anders: Je mehr du übst, umso schneller beherrschst du seine Sprache fließend.

Ja, am Anfang fühlt es sich so an, als würde man nie so weit kommen wie der Youtuber – man muss so viel im Kopf behalten. Aber: Es ist wie beim Autofahren – am Anfang müssen wir uns noch auf Kupplung, Gas und Bremse konzentrieren. Müssten wir das immer tun, würden wir nie irgendwo hinkommen 🚧 Aber schon nach kurzer Zeit müssen wir darüber eben nicht mehr nachdenken. Wir reagieren sozusagen intuitiv auf Signale, die wir im Straßenverkehr sehen, hören oder spüren (wie etwa eine Kurve oder ein Gefälle), ohne dass wir es überhaupt noch bewusst bemerken. Diese Art der Intuition wirst du nach einiger Zeit auch bei der Arbeit mit deinen Karten feststellen. Ganz bestimmt.

 


Lisa Sterle: Modern Witch Tarot: Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Urania Verlags, © Königsfurt-Urania Verlag, www.koenigsfurt-urania.com

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